Elsemarie Maletzke, Jane Austen. Eine Biographie

Wieder einmal habe ich nach Jahren zu einer deutschsprachigen Biographie über Jane Austen gegriffen, die ich für die beste halte, die mir bislang in die Finger gekommen ist: Elsemarie Maletzke, Jane Austen. Eine Biographie. Es wird nicht nur Jane Austens Lebensweg nachgezeichnet, sondern auch pointiert Stellung bezogen zur Einschätzung ihrer Mitmenschen, der Nachwelt und nicht zuletzt Jane Austens über sich selbst und ihr Schaffen.

Natürlich ist die Quellenlage dünn. Dennoch gelingt es Maletzke, anhand dieses Materials plausibel zu machen, wie Jane Austen gedacht haben mochte, wie sie gewesen sein könnte – jenseits der Mythen, die die nachfolgenden Generationen über sie und ihre Arbeit geschaffen haben.

Trotz der Lücken, die durch zerstörte oder zensierte Briefe klaffen, zeichnet Maletzke das Bild einer Frau, die sich durchaus bewusst war, welchen Wert ihr Schreiben hatte, auch wenn es von ihren Mitmenschen belächelt oder offen kritisiert wurde. Der Mensch hinter den Werken der Weltliteratur, die Jane Austen geschaffen hat, wird so deutlich. Maletzke umschifft außerdem die Klippen der Spekulation, die es rund um Jane Austens vorhandenes oder nicht vorhandenes Liebesleben gibt. Letztlich wird man als Nachlebender nämlich damit leben müssen, nicht zu wissen, ob die Autorin bei den Beschreibungen inniger Liebe auf einen eigenen Erfahrungsschatz zurückgreifen konnte oder nicht – so sehr man das auch bedauern mag.

Insgesamt kann ich die Lektüre dieser Biographie vorbehaltlos empfehlen, auch als kurzweiliges Vergnügen, nicht „nur“ als Informationsquelle.

[Elsemarie Maletzke, Jane Austen. Eine Biographie, 1997, erschienen bei Schöffling & Co.]

Jane Austen – Stolz und Vorurteil

Jane Austen beginnt ihren Roman mit einer Feststellung, der heute wie zu Beginn des 19. Jahrhunderts zuzustimmen ist:

„Es ist eine weltweit anerkannte Wahrheit, dass ein alleinstehender Mann, der im Besitze eines ordentlichen Vermögens ist, nach nichts so sehr Verlangen haben muss wie nach einem Weibe.“

Was nun passiert, wenn ein solcher Mann in die ländliche Idylle einbricht und auf eine Mutter trifft, die ihre Töchter gut zu verheiraten gedenkt, zeigt Jane Austen am Beispiel der Familie Bennet, deren Wohl und Wehe von eben dieser Verbindung abhängt – ist doch kein Sohn vorhanden, der dereinst das Erbe des Vaters antreten könnte.

Mr. Bennet erfreut sich zwar ausgezeichneter Gesundheit, doch dies hindert seine Frau nicht daran, sich in schlimmsten Vorahnungen zu ergehen, was alles passieren könnte, sollten sich ihre Töchter nicht baldigst verehelichen.

Doch obwohl Jane, Elizabeth, Lydia, Catherine und Mary den heiligen Stand nicht ablehnen, gestaltet sich die Herbeiführung desselben aus einem einfachen Grund recht schwierig: wo keine Mitgift, da kein Verehrer.

Hinzu kommt ein anderer Punkt: Wer will schon in eine Familie einheiraten, die sich in schöner Regelmäßigkeit auf öffentlichen Veranstaltungen lächerlich macht? Deren Mutter aus ihrer Jagd nach einem solventen Heiratskandidaten keinen Hehl macht? Deren jüngere Töchter sich ausschließlich mit ihrer Garderobe, Klatsch und dem Regiment, das in ihrem Ort überwintert, beschäftigen und keine Gelegenheit auslassen, den Rest der Familie zu brüskieren? Von solch einer Verwandtschaft lässt man sich eher scheiden als sich ihr anzuschließen.

Keine guten Voraussetzungen also für die beiden ältesten und weitaus vernünftigeren Töchter Jane und Elizabeth, auch nur irgendeinen Mann zu finden – geschweige denn einen, den sie auch noch lieben könnten -, obwohl sie über Vorzüge verfügen, die ein Männerherz erweichen könnten.

Jane Bennet ist ausgesprochen hübsch und die Gutmütigkeit in Person. Sie versucht stets, es allen recht zu machen und daher auch, den Wünschen ihrer Mutter zu entsprechen.

Nicht ganz so hübsch wie ihre Schwester, aber dafür mit einem scharfen Verstand gesegnet, wird Elizabeth Bennet besonders von ihrem Vater geschätzt. Ihre Mutter hingegen kann Lizzy nicht verzeihen, dass sie den Erben Longbourns, Mr. Collins, zurückgewiesen hat – einen überaus komisch gezeichneten Charakter. (Nebenbei bemerkt: Der Dialog zwischen Elizabeth und Mr. Collins ist einer der witzigsten im Gesamtwerk der Autorin.)

Jetzt muss Jane sie alle retten – und Mrs. Bennet hat auch schon den passenden Kandidaten gefunden: Mr. Bingley soll es sein, der neue Nachbar und – was für Mrs. Bennet ausschlaggebend ist – reich. Noch dazu ist er charmant, sieht gut aus, tanzt gerne und besitzt damit alle Eigenschaften, die ein guter Mensch nur haben kann. Und obwohl Jane immer wieder beteuert, dass dem nicht so sei, hat er ihr Herz gleich zu Beginn der Bekanntschaft erobert.

Das wiederum – und die dreisten Kupplungsversuche Mrs. Bennets – ruft Bingleys besten Freund auf den Plan: Mr. Darcy. Dieser stolze Mensch setzt fortan alles daran, seinen Freund von der mittellosen Dame zu entfernen.

Doch – oh weh! – ausgerechnet dieser unhöfliche und tanzunwillige, aber dafür ausgesprochen reiche Kerl verliebt sich in die abgeneigte Lizzy. Das Ringen der Beiden, das Auf und Ab der Bekanntschaft und die endliche Vereinigung als Liebende bilden den Kern von „Stolz und Vorurteil“.

Jane Austen exerziert am Beispiel dieses Paares bereits in ihrem ersten großen Roman jenen Leitgedanken durch, der sich in allen späteren Werken wiederfindet: den Sieg der Vernunft in Verbindung mit echtem, tiefen Gefühl über Sentimentalitäten und gesellschaftliche Vorurteile.

Erstaunlich ist dabei, dass Jane Austen bereits im Alter von Anfang 20, als sie den Roman begann, über diese Einsichten zu verfügen schien, denn auf 1796/97 ist der Beginn ihrer Arbeit an einer Vorform von „Stolz und Vorurteil“ mit dem Titel „First Impressions“ (dt.: Erste Eindrücke) datiert. Der fertige Roman wurde allerdings erst nach einer Überarbeitung durch die Autorin 1813 veröffentlicht.

Heute ist Jane Austens „Stolz und Vorurteil“ das wohl bekannteste Werk der Autorin. Es ist immer wieder zu hören, dass dies der erste Roman war, der einem späteren Jane-Austen-Fan in die Finger geriet – und die Liebe zu all ihren Werken auslöste.

Es ist aber auch zu leicht, sich auf diesem Wege zu verlieben, strotzt „Stolz und Vorurteil“ doch vor Witz und geistreichen Einfällen. Es ist ein heiterer Roman, lebendig und frisch – und deshalb zu Recht das beliebteste ihrer Werke.

[Diese Rezension bezieht sich auf folgende Ausgabe: Jane Austen, Stolz und Vorurteil, (Manesse Bibliothek der Weltliteratur), Manesse Verlag, 5. Aufl. Zürich 1995.]

Jane Austen – Biographien

Heute sollen zwei Biographien vorgestellt werden, die sich in Aufmachung und Umgang mit Details zwar unterscheiden, aber dennoch beide in ihren unterschiedlichen Ansätzen erhellende Erkenntnisse für das tiefere Verständnis der Werke Jane Austens bieten.

Austen-Leigh, William/Austen-Leigh, Richard A.: Jane Austen. Die Biographie, Ullstein Berlin 1998.

Richard Austen-Leigh und sein Onkel William Austen-Leigh, direkte Nachfahren eines Neffen Jane Austens, veröffentlichten 1913 die erste Ausgabe von „Life and Letters of Jane Austen“. Deirdre Le Faye übernahm die Neubearbeitung, wodurch eine umfassende Biographie Jane Austens und ihrer Familie entstand.

Detailreich wird das Leben der britischen Autorin, aber auch das ihrer Vorfahren, geschildert. Beginnend mit den Austens und Leighs im 17. Jahrhundert, über Janes Kindheit und Jugend, Bath, Southhampton und Chawton, bietet diese Biographie eine Fülle überraschender Lektionen. Besonders hilfreich ist auch die umfassende Chronologie, die dem Textteil vorangestellt ist

Beck, Angelika: Jane Austen. Leben und Werk in Texten und Bildern, (insel Taschenbuch 1620), Insel Verlag Frankfurt am Main/Leipzig 1995.

Angelika Becks Jane-Austen-Biographie ist eine hervorragende Lektüre für alle, die sich bislang weniger mit Leben der Autorin beschäftigt haben oder eine nicht zu detaillierte Einführung wünschen. Beck verbindet in ihrem Buch Leben und Werk Jane Austens mit Aquarellen, Stichen, Zeichnungen, Porträts der Familienangehörigen, Landschaftsbildern et cetera, die einen Einblick in die Zeit und die Welt Jane Austens bieten. In kurzen Texten zur jeweiligen Abbildung schildert Beck wichtige Ereignisse, aber auch Anekdoten, die ein etwas anderes Bild von Jane Austen zeichnen als das landläufig bekannte.

Natürlich konnte nicht jeder Lebensabschnitt Jane Austens mit Darstellungen ihrer Person bebildert werden. Sowohl was persönliche Äußerungen als auch Bildnisse angeht, ist die  Materialgrundlage schlicht sehr dünn. Dies liegt zum Teil auch daran, dass Jane Austens Familie, vor allem ihre Schwester Cassandra, Briefe vernichtet haben, die einen zu intimen Einblick in die Gedanken ihrer Verwandten erlaubt hätten. Zum anderen wird es wohl auch Jane Austens Wesen zuzuschreiben sein, dass so wenige Abbildungen auf uns gekommen sind. Dennoch ist es Angelika Beck anhand der überkommenen Quellen gelungen, in 136 kurzen Kapiteln ein lebendiges Bild der britischen Autorin zu zeichnen.