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Andrea Brackmann – Thema: Hochbegabung

Donnerstag, 9. Oktober 2008 | Autor:

Schwierig und spannend, verwirrend und bereichernd zugleich scheint das Leben als Hochbegabter sein – zumindest gewinnt man diesen Eindruck nach der Lektüre zwei Sachbücher, die die Diplom-Psychologin Andrea Brackmann verfasst hat.

I) Andrea Brackmann: Jenseits der Norm – hochbegabt und hoch sensibel? Die seelischen und sozialen Aspekte der Hochbegabung bei Kindern und Erwachsenen, (Leben lernen 180), Pfeiffer bei Klett-Cotta, Stuttgart 2005.

Wie denken und fühlen Hochbegabte eigentlich? Was unterscheidet sie von normalbegabten Menschen? Der Laie ist ja leicht geneigt, zu sagen: Warum sollen wir uns mit Hochbegabten beschäftigen? Die haben es doch sowieso leichter und besser als alle anderen!

Doch schon nach einigen Seiten des Lesens beginnt dieses Bild zu bröckeln. Natürlich gibt es die früh entdeckten und optimal geförderten Hochbegabten, die ihre Talente entfalten und heute ein entsprechend erfülltes Leben führen können. Doch gibt es auch die anderen: Die Gescheiterten, die unentdeckt gebliebenen Hochbegabten, die zwar irgendwie funktionieren, aber die Zeit ihres Lebens ein Gefühl des Anders-Seins plagt, eine unbestimmte Ahnung, nicht dazuzugehören.

Andrea Brackmann hat sich auf die Entdeckung dieser erwachsenen Hochbegabten spezialisiert, und aus ihrer jahrelangen Arbeit entstand schließlich dieses – man ist geneigt zu sagen: Standardwerk. Dem Laien vermittelt es einen Blick in die Welt dieser Anders-, dieser Schnelldenkenden, Viel-Fühlenden, Mehr-Wollenden. Doch es spricht auch konkret Therapeuten an, die diesen Aspekt vielleicht bislang in ihrer Arbeit ausgespart haben. Andrea Brackmann regt auf vielfältige Weise neue Blickwinkel an, die die Sicht auf dieses Thema, auch und gerade im Zusammenhang mit sogenannten “Störungen”, verändern sollen. Hier leistet sie einen wichtigen und beachtenswerten Beitrag.

II) Andrea Brackmann: Ganz normal hochbegabt. Leben als hochbegabter Erwachsener, (Klett-Cotta Leben!), Klett-Cotta, hier: 3. Aufl. Stuttgart 2008.

Das im Anschluss publizierte Buch verfolgt einen anderen Ansatz, der in seiner Anschaulichkeit jedoch weit tiefer geht als das vorangegangene Werk, das einen großen theoretischen Anteil hatte. Es basiert auf “Augenzeugenberichten”, auf selbst von Hochbegabten aufgezeichneten Lebensbeschreibungen, die einen unnachahmlichen Blick in ihren Gefühlsreichtum, die Verwirrung, die sie häufig empfinden, und zugleich ihre schöpferische Kraft bieten.

In allen Fällen geht es dabei um Erwachsene, die erst zu einem späteren Zeitpunkt ihres Lebens die “Diagnose Hochbegabung” erhielten. Eindrücklich schildern sie in ihren Berichten, wie sie ihre Leben “davor” erlebt haben und was sich durch die Erkenntnis, zu den zwei bis drei Prozent der Bevölkerung zu gehören, die über eine herausragende Intelligenz verfügen, verändert hat.

Die geschilderten Lebensläufe bewegen, denn oft wird deutlich, wie fremdartig, anders und abseits stehend sich diese Kinder und späteren Erwachsenen gefühlt haben – und welche Auswege sie für sich gefunden haben oder noch zu finden hoffen.

Zwei Bücher, die Mut machen – und vielleicht dazu beitragen, dass mehr Menschen ihre Begabungen entdecken und ausleben können.

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Jane Austen – Stolz und Vorurteil

Donnerstag, 2. Oktober 2008 | Autor:

Jane Austen beginnt ihren Roman mit einer Feststellung, der heute wie zu Beginn des 19. Jahrhunderts zuzustimmen ist:

“Es ist eine weltweit anerkannte Wahrheit, dass ein alleinstehender Mann, der im Besitze eines ordentlichen Vermögens ist, nach nichts so sehr Verlangen haben muss wie nach einem Weibe.”

Was nun passiert, wenn ein solcher Mann in die ländliche Idylle einbricht und auf eine Mutter trifft, die ihre Töchter gut zu verheiraten gedenkt, zeigt Jane Austen am Beispiel der Familie Bennet, deren Wohl und Wehe von eben dieser Verbindung abhängt – ist doch kein Sohn vorhanden, der dereinst das Erbe des Vaters antreten könnte.

Mr. Bennet erfreut sich zwar ausgezeichneter Gesundheit, doch dies hindert seine Frau nicht daran, sich in schlimmsten Vorahnungen zu ergehen, was alles passieren könnte, sollten sich ihre Töchter nicht baldigst verehelichen.

Doch obwohl Jane, Elizabeth, Lydia, Catherine und Mary den heiligen Stand nicht ablehnen, gestaltet sich die Herbeiführung desselben aus einem einfachen Grund recht schwierig: wo keine Mitgift, da kein Verehrer.

Hinzu kommt ein anderer Punkt: Wer will schon in eine Familie einheiraten, die sich in schöner Regelmäßigkeit auf öffentlichen Veranstaltungen lächerlich macht? Deren Mutter aus ihrer Jagd nach einem solventen Heiratskandidaten keinen Hehl macht? Deren jüngere Töchter sich ausschließlich mit ihrer Garderobe, Klatsch und dem Regiment, das in ihrem Ort überwintert, beschäftigen und keine Gelegenheit auslassen, den Rest der Familie zu brüskieren? Von solch einer Verwandtschaft lässt man sich eher scheiden als sich ihr anzuschließen.

Keine guten Voraussetzungen also für die beiden ältesten und weitaus vernünftigeren Töchter Jane und Elizabeth, auch nur irgendeinen Mann zu finden – geschweige denn einen, den sie auch noch lieben könnten -, obwohl sie über Vorzüge verfügen, die ein Männerherz erweichen könnten.

Jane Bennet ist ausgesprochen hübsch und die Gutmütigkeit in Person. Sie versucht stets, es allen recht zu machen und daher auch, den Wünschen ihrer Mutter zu entsprechen. 

Nicht ganz so hübsch wie ihre Schwester, aber dafür mit einem scharfen Verstand gesegnet, wird Elizabeth Bennet besonders von ihrem Vater geschätzt. Ihre Mutter hingegen kann Lizzy nicht verzeihen, dass sie den Erben Longbourns, Mr. Collins, zurückgewiesen hat – einen überaus komisch gezeichneten Charakter. (Nebenbei bemerkt: Der Dialog zwischen Elizabeth und Mr. Collins ist einer der witzigsten im Gesamtwerk der Autorin.)

Jetzt muss Jane sie alle retten – und Mrs. Bennet hat auch schon den passenden Kandidaten gefunden: Mr. Bingley soll es sein, der neue Nachbar und – was für Mrs. Bennet ausschlaggebend ist – reich. Noch dazu ist er charmant, sieht gut aus, tanzt gerne und besitzt damit alle Eigenschaften, die ein guter Mensch nur haben kann. Und obwohl Jane immer wieder beteuert, dass dem nicht so sei, hat er ihr Herz gleich zu Beginn der Bekanntschaft erobert.

Das wiederum – und die dreisten Kupplungsversuche Mrs. Bennets – ruft Bingleys besten Freund auf den Plan: Mr. Darcy. Dieser stolze Mensch setzt fortan alles daran, seinen Freund von der mittellosen Dame zu entfernen. 

Doch – oh weh! – ausgerechnet dieser unhöfliche und tanzunwillige, aber dafür ausgesprochen reiche Kerl verliebt sich in die abgeneigte Lizzy. Das Ringen der Beiden, das Auf und Ab der Bekanntschaft und die endliche Vereinigung als Liebende bilden den Kern von “Stolz und Vorurteil”. 

Jane Austen exerziert am Beispiel dieses Paares bereits in ihrem ersten großen Roman jenen Leitgedanken durch, der sich in allen späteren Werken wiederfindet: den Sieg der Vernunft in Verbindung mit echtem, tiefen Gefühl über Sentimentalitäten und gesellschaftliche Vorurteile.

Erstaunlich ist dabei, dass Jane Austen bereits im Alter von Anfang 20, als sie den Roman begann, über diese Einsichten zu verfügen schien, denn auf 1796/97 ist der Beginn ihrer Arbeit an einer Vorform von “Stolz und Vorurteil” mit dem Titel “First Impressions” (dt.: Erste Eindrücke) datiert. Der fertige Roman wurde allerdings erst nach einer Überarbeitung durch die Autorin 1813 veröffentlicht.

Heute ist Jane Austens “Stolz und Vorurteil” das wohl bekannteste Werk der Autorin. Es ist immer wieder zu hören, dass dies der erste Roman war, der einem späteren Jane-Austen-Fan in die Finger geriet – und die Liebe zu all ihren Werken auslöste. 

Es ist aber auch zu leicht, sich auf diesem Wege zu verlieben, strotzt “Stolz und Vorurteil” doch vor Witz und geistreichen Einfällen. Es ist ein heiterer Roman, lebendig und frisch – und deshalb zu Recht das beliebteste ihrer Werke.

[Diese Rezension bezieht sich auf folgende Ausgabe: Jane Austen, Stolz und Vorurteil, (Manesse Bibliothek der Weltliteratur), Manesse Verlag, 5. Aufl. Zürich 1995.]

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Jane Austen – Biographien

Mittwoch, 1. Oktober 2008 | Autor:

Heute sollen zwei Biographien vorgestellt werden, die sich in Aufmachung und Umgang mit Details zwar unterscheiden, aber dennoch beide in ihren unterschiedlichen Ansätzen erhellende Erkenntnisse für das tiefere Verständnis der Werke Jane Austens bieten.

Austen-Leigh, William/Austen-Leigh, Richard A.: Jane Austen. Die Biographie, Ullstein Berlin 1998.

Richard Austen-Leigh und sein Onkel William Austen-Leigh, direkte Nachfahren eines Neffen Jane Austens, veröffentlichten 1913 die erste Ausgabe von “Life and Letters of Jane Austen”. Deirdre Le Faye übernahm die Neubearbeitung, wodurch eine umfassende Biographie Jane Austens und ihrer Familie entstand.

Detailreich wird das Leben der britischen Autorin, aber auch das ihrer Vorfahren, geschildert. Beginnend mit den Austens und Leighs im 17. Jahrhundert, über Janes Kindheit und Jugend, Bath, Southhampton und Chawton, bietet diese Biographie eine Fülle überraschender Lektionen. Besonders hilfreich ist auch die umfassende Chronologie, die dem Textteil vorangestellt ist

Beck, Angelika: Jane Austen. Leben und Werk in Texten und Bildern, (insel Taschenbuch 1620), Insel Verlag Frankfurt am Main/Leipzig 1995.

Angelika Becks Jane-Austen-Biographie ist eine hervorragende Lektüre für alle, die sich bislang weniger mit Leben der Autorin beschäftigt haben oder eine nicht zu detaillierte Einführung wünschen. Beck verbindet in ihrem Buch Leben und Werk Jane Austens mit Aquarellen, Stichen, Zeichnungen, Porträts der Familienangehörigen, Landschaftsbildern et cetera, die einen Einblick in die Zeit und die Welt Jane Austens bieten. In kurzen Texten zur jeweiligen Abbildung schildert Beck wichtige Ereignisse, aber auch Anekdoten, die ein etwas anderes Bild von Jane Austen zeichnen als das landläufig bekannte.

Natürlich konnte nicht jeder Lebensabschnitt Jane Austens mit Darstellungen ihrer Person bebildert werden. Sowohl was persönliche Äußerungen als auch Bildnisse angeht, ist die  Materialgrundlage schlicht sehr dünn. Dies liegt zum Teil auch daran, dass Jane Austens Familie, vor allem ihre Schwester Cassandra, Briefe vernichtet haben, die einen zu intimen Einblick in die Gedanken ihrer Verwandten erlaubt hätten. Zum anderen wird es wohl auch Jane Austens Wesen zuzuschreiben sein, dass so wenige Abbildungen auf uns gekommen sind. Dennoch ist es Angelika Beck anhand der überkommenen Quellen gelungen, in 136 kurzen Kapiteln ein lebendiges Bild der britischen Autorin zu zeichnen.

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