Jane Austen – Stolz und Vorurteil

Jane Austen beginnt ihren Roman mit einer Feststellung, der heute wie zu Beginn des 19. Jahrhunderts zuzustimmen ist:

„Es ist eine weltweit anerkannte Wahrheit, dass ein alleinstehender Mann, der im Besitze eines ordentlichen Vermögens ist, nach nichts so sehr Verlangen haben muss wie nach einem Weibe.“

Was nun passiert, wenn ein solcher Mann in die ländliche Idylle einbricht und auf eine Mutter trifft, die ihre Töchter gut zu verheiraten gedenkt, zeigt Jane Austen am Beispiel der Familie Bennet, deren Wohl und Wehe von eben dieser Verbindung abhängt – ist doch kein Sohn vorhanden, der dereinst das Erbe des Vaters antreten könnte.

Mr. Bennet erfreut sich zwar ausgezeichneter Gesundheit, doch dies hindert seine Frau nicht daran, sich in schlimmsten Vorahnungen zu ergehen, was alles passieren könnte, sollten sich ihre Töchter nicht baldigst verehelichen.

Doch obwohl Jane, Elizabeth, Lydia, Catherine und Mary den heiligen Stand nicht ablehnen, gestaltet sich die Herbeiführung desselben aus einem einfachen Grund recht schwierig: wo keine Mitgift, da kein Verehrer.

Hinzu kommt ein anderer Punkt: Wer will schon in eine Familie einheiraten, die sich in schöner Regelmäßigkeit auf öffentlichen Veranstaltungen lächerlich macht? Deren Mutter aus ihrer Jagd nach einem solventen Heiratskandidaten keinen Hehl macht? Deren jüngere Töchter sich ausschließlich mit ihrer Garderobe, Klatsch und dem Regiment, das in ihrem Ort überwintert, beschäftigen und keine Gelegenheit auslassen, den Rest der Familie zu brüskieren? Von solch einer Verwandtschaft lässt man sich eher scheiden als sich ihr anzuschließen.

Keine guten Voraussetzungen also für die beiden ältesten und weitaus vernünftigeren Töchter Jane und Elizabeth, auch nur irgendeinen Mann zu finden – geschweige denn einen, den sie auch noch lieben könnten -, obwohl sie über Vorzüge verfügen, die ein Männerherz erweichen könnten.

Jane Bennet ist ausgesprochen hübsch und die Gutmütigkeit in Person. Sie versucht stets, es allen recht zu machen und daher auch, den Wünschen ihrer Mutter zu entsprechen.

Nicht ganz so hübsch wie ihre Schwester, aber dafür mit einem scharfen Verstand gesegnet, wird Elizabeth Bennet besonders von ihrem Vater geschätzt. Ihre Mutter hingegen kann Lizzy nicht verzeihen, dass sie den Erben Longbourns, Mr. Collins, zurückgewiesen hat – einen überaus komisch gezeichneten Charakter. (Nebenbei bemerkt: Der Dialog zwischen Elizabeth und Mr. Collins ist einer der witzigsten im Gesamtwerk der Autorin.)

Jetzt muss Jane sie alle retten – und Mrs. Bennet hat auch schon den passenden Kandidaten gefunden: Mr. Bingley soll es sein, der neue Nachbar und – was für Mrs. Bennet ausschlaggebend ist – reich. Noch dazu ist er charmant, sieht gut aus, tanzt gerne und besitzt damit alle Eigenschaften, die ein guter Mensch nur haben kann. Und obwohl Jane immer wieder beteuert, dass dem nicht so sei, hat er ihr Herz gleich zu Beginn der Bekanntschaft erobert.

Das wiederum – und die dreisten Kupplungsversuche Mrs. Bennets – ruft Bingleys besten Freund auf den Plan: Mr. Darcy. Dieser stolze Mensch setzt fortan alles daran, seinen Freund von der mittellosen Dame zu entfernen.

Doch – oh weh! – ausgerechnet dieser unhöfliche und tanzunwillige, aber dafür ausgesprochen reiche Kerl verliebt sich in die abgeneigte Lizzy. Das Ringen der Beiden, das Auf und Ab der Bekanntschaft und die endliche Vereinigung als Liebende bilden den Kern von „Stolz und Vorurteil“.

Jane Austen exerziert am Beispiel dieses Paares bereits in ihrem ersten großen Roman jenen Leitgedanken durch, der sich in allen späteren Werken wiederfindet: den Sieg der Vernunft in Verbindung mit echtem, tiefen Gefühl über Sentimentalitäten und gesellschaftliche Vorurteile.

Erstaunlich ist dabei, dass Jane Austen bereits im Alter von Anfang 20, als sie den Roman begann, über diese Einsichten zu verfügen schien, denn auf 1796/97 ist der Beginn ihrer Arbeit an einer Vorform von „Stolz und Vorurteil“ mit dem Titel „First Impressions“ (dt.: Erste Eindrücke) datiert. Der fertige Roman wurde allerdings erst nach einer Überarbeitung durch die Autorin 1813 veröffentlicht.

Heute ist Jane Austens „Stolz und Vorurteil“ das wohl bekannteste Werk der Autorin. Es ist immer wieder zu hören, dass dies der erste Roman war, der einem späteren Jane-Austen-Fan in die Finger geriet – und die Liebe zu all ihren Werken auslöste.

Es ist aber auch zu leicht, sich auf diesem Wege zu verlieben, strotzt „Stolz und Vorurteil“ doch vor Witz und geistreichen Einfällen. Es ist ein heiterer Roman, lebendig und frisch – und deshalb zu Recht das beliebteste ihrer Werke.

[Diese Rezension bezieht sich auf folgende Ausgabe: Jane Austen, Stolz und Vorurteil, (Manesse Bibliothek der Weltliteratur), Manesse Verlag, 5. Aufl. Zürich 1995.]

Eine Antwort auf „Jane Austen – Stolz und Vorurteil“

Kommentare sind geschlossen.